Bücher übersetzen als Beruf: Ein Interview mit Übersetzerin Ilse Layer über die Kunst des Übersetzen

Auf der Buchpremiere des Buches „Nackt im Hotel“ von Jo Schück habe ich Frau Layer kennengelernt. Wir sind schnell ins Gespräch gekommen und haben uns gegenseitig gefragt, weshalb wir eingeladen wurden. Sie erzählte mir dann, dass sie Übersetzerin (u.a. für den dtv-Verlag mit den „Throne of Glass“-Titeln) ist und das erste Mal auf einer solchen Veranstaltung sei. Wir haben uns gut unterhalten und sie schlug mir vor, dass sie mir für meinen Blog ein Interview geben könnte und wolle.
Ich habe sowas noch nie gemacht, deshalb war es auch eine neue schöne Erfahrung für mich, mir Fragen auszudenken und in Worte zu packen.
Wir beide wünschen Euch viel Spaß dabei, in den Job des Übersetzers/der Übersetzerin hineinzuschnuppern. (Hier könnt ihr euch auch noch ihre Website ansehen) 

Vorab noch ein paar Infos zu Frau Layer:

Ilse Layer © privat

Ilse Layer arbeitete nach ihrem Studium der Germanistik, Romanistik  und Lateinamerikanistik (abgeschlossen 1989)  zunächst im Kulturbereich und in einem Verlag, bevor sie sich als Literaturübersetzerin für Spanisch und Englisch selbstständig machte (seit 1991). Zudem arbeitet sie auch als Lektorin und Korrektorin. Sie bereist nicht nur gern fremde Sprachen, sondern auch fremde Länder. Zu Hause ist sie seit vielen Jahren in Berlin.

 


Sie haben drei Sätze: Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Schon als Kind war ich eine Leseratte. Als Erwachsene eine Einzelgängerin mit Sprachbegabung. Und jemand mit Ausdauer und Lust, sich intensiv mit Sprache auseinanderzusetzen.

Welche Arbeiten kommen als Übersetzerin auf Sie zu und wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Lauter neue Bücher auf Englisch und Spanisch, die ich übersetzen soll – alles vom Bilderbuch über Kinder- und Jugendbücher bis hin zu Erwachsenenbüchern. Es fing damit an, dass ich nach meinem Sprachenstudium im Kulturbereich gearbeitet habe und es mir da zu trubelig war. Nebenbei machte ich mehrere Praktika in Verlagen, und da habe ich auch Literaturübersetzer kennengelernt. Ein neuer Verlag ließ mehrere Probeübersetzungen für einen Roman anfertigen und hat sich für mich entschieden. Das war mein erster Auftrag.

Woran müssen Berufsinteressent*innen denken, die gerne ebenfalls Übersetzer*in werden möchten?

Vorab: Übersetzer*innen gibt es in vielen Bereichen, Literaturübersetzer*innen sind eine spezielle Gruppe (und auch da gibt es wieder unterschiedliche Richtungen).

Mit Literaturübersetzungen verdient man nicht viel Geld, die Auftragslage schwankt und man arbeitet meistens alleine. Das klingt sehr unattraktiv und ist es für die allermeisten auch! Dieser Beruf ist nur was für Leute, die wirklich gern allein arbeiten, sich monatelang mit einem einzigen Buch beschäftigen können und denen die Freude an der Arbeit wichtiger ist als Geld.

Dafür wird man belohnt damit, dass man sich den Arbeitstag selbst einteilt und am Ende etwas in der Hand hält, zu dem man einen wesentlichen Beitrag geleistet hat: ein gedrucktes Buch, in dem der eigene Name steht.

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Spaß und was eher weniger?

Am meisten Spaß macht mir das Übersetzen selbst. Das Erforschen der Möglichkeiten der verschiedenen Sprachen und das Tüfteln, wie ich etwas von der einen Sprache in die andere bringe.

Weniger Spaß machen mir Verträge und Abrechnungen. Zu jedem Auftrag schließe ich einen Vertrag mit dem Verlag, und so ein Vertrag umfasst locker mal zehn Seiten. Und der gilt bis 70 Jahre nach meinem Tod! Das ist gesetzlich festgelegt, weil es um Urheberrechte geht. Meine Übersetzungen sind vom Urheberrecht geschützt, und in dem Vertrag räume ich dem deutschen Verlag die Nutzung dieser Urheberrechte ein. Das ist genauso kompliziert, wie es klingt, da muss man ganz schön aufpassen, was man unterschreibt. Klar geht es da auch um Geld. Wenn man gut verhandelt, hat man am Ende ein bisschen mehr auf dem Konto.

Ich bekomme ein Seitenhonorar und zusätzlich Beteiligungen, zum Beispiel wenn sich ein Buch gut verkauft oder wenn es zuerst eine Hardcoverausgabe und dann noch ein Taschenbuch gibt. Das Seitenhonorar bekomme ich, wenn ich die Übersetzung abgebe, die Beteiligungen werden einmal im Jahr abgerechnet. Diese Abrechnungen kommen immer im März. Die schaue ich mir auch genau an, selbst wenn es nervig ist. Fehler kommen einfach vor.

 

Gibt es etwas, das Sie an Ihrem Beruf am meisten fasziniert?

Dass es nie langweilig wird. Nie nie nie. Immer wieder bekomme ich Bücher angeboten, die mich wieder vor neue Herausforderungen stellen, immer bringen die Geschichten neue Themen mit, mit denen ich mich dann beschäftige. So lerne ich immer dazu.

 

Wie sieht Ihr täglicher Arbeitsalltag aus bzw. gibt es überhaupt einen Alltag in Ihrem Beruf?

Doch, doch, es gibt schon einen Alltag. Meine beste Arbeitszeit ist vormittags. Wenn ich also an einer Übersetzung sitze, ist der Vormittag dafür reserviert. Ich habe ja einen Abgabetermin und muss jeden Tag ein bestimmtes Pensum schaffen. Und mehr als fünf bis sechs Stunden übersetzen oder überarbeiten geht gar nicht, man muss sich ja sehr konzentrieren, und irgendwann ist der Kopf leer. Nachmittags mache ich dann eher die Sachen, die sonst noch zum Beruf gehören, Anfragen beantworten, Forenbeiträge und Newsletter lesen, die Steuererklärung machen. In den letzten Monaten habe ich an meiner Webseite gearbeitet. Und an manchen Nachmittagen mache ich einen Nebenjob.

Welche Bücher/Geschichten durften Sie bereits übersetzen?

Insgesamt habe ich in 30 Jahren etwa 60 Bücher übersetzt. Viele bei uns nicht so bekannte Autor*innen, aber auch bekannte wie Dave Eggers oder John Boyne. Wenn man bei Amazon meinen Namen eingibt, kann man die ganzen Titel sehen.

 

Wie kann man sich so einen Prozess vorstellen? Lesen Sie das Buch erst einmal komplett oder übersetzen Sie direkt? Haben Sie Kontakt zu den Autor*innen, um bestimmte Sätze und Deutungen zu diskutieren?

Wenn ich einen Autor noch nicht kenne, lese ich das Buch erst einmal komplett. Ich muss ja wissen, ob es mir liegt und wo die Schwierigkeiten stecken. Wenn ich viel recherchieren muss, versuche ich vom Verlag einen Zuschlag zu bekommen. Zum Beispiel: »Der Junge auf dem Berg« des irischen Autors John Boyne spielt in Nazideutschland, da gab es natürlich jede Menge Details, die da auf Englisch standen, aber im Deutschen mussten es die historisch richtigen Begriffe sein. Das war eine Menge Arbeit. Und ja, meistens schreibe ich den Autor*innen am Schluss eine Mail mit Fragen. Meist geht es um Stellen, die man so oder so verstehen kann, um rätselhafte Wendungen oder manchmal auch um Widersprüche – wir Übersetzer*innen beschäftigen uns ja total intensiv mit jedem Buch und dann fallen uns auch solche Sachen auf!

Meistens übersetze ich ein Buch erst einmal recht schnell, und dann wird überarbeitet, und zwar nicht nur einmal, sondern zwei- bis dreimal. Dann gebe ich die Übersetzung ab und meine Lektorin vom Verlag arbeitet sie durch und macht Verbesserungsvorschläge. Die sehe ich alle durch und entscheide, welche mir gefallen und wo mir vielleicht noch was Besseres einfällt. Dann vergeht wieder Zeit, und irgendwann kommt der Umbruch. Da ist der Text dann schon so formatiert, wie er nachher im Buch aussieht, also zwei Buchseiten auf einem Blatt. Da lese ich meine Übersetzung dann noch mal von A-Z. Das ist die letzte Gelegenheit für Änderungen, bevor gedruckt wird, und es ist gar nicht so selten, dass einem da noch etwas auffällt, das bisher alle komplett übersehen haben.

Wie übersetzt man die persönliche Art, die der Originalautor an sich hat?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. Man entwickelt ein Gespür für den Ton des Originals und versucht das dann im Deutschen rüberzubringen. Dafür gibt es keine festen Regeln.

 

Gibt es ein Buch, das Sie auch gerne übersetzt hätten bzw. anders übersetzt hätten?

Ich hätte gern Harry Potter übersetzt, dann hätte ich jetzt keine finanziellen Sorgen mehr! ;-))

Und ich leide an einer Berufskrankheit: Wenn ich ein übersetztes Buch lese, passiert es mir oft, dass ich die Übersetzung in Gedanken »bearbeite«. Meistens sind das nur einzelne Stellen, das ist nicht so schlimm. Es kommt aber auch vor, dass ich ein Buch nicht lesen kann, weil ich es ganz anders übersetzt hätte.

Was übersetzen Sie lieber? Ernste Geschichten für Erwachsene oder Kinder-/Jugendbücher? Warum?

Ein Buch muss mir gefallen, dann übersetze ich es gern, egal welches Genre.

Gibt es auch eine Sprache, die Sie lieber übersetzen?

Wichtiger als die Sprache ist mir, dass das Buch gut geschrieben ist und ich es gern mag.

Was war der schönste Augenblick/das schönste Erlebnis, welches Sie aufgrund Ihres Berufs erleben durften?

Das war 2014. Im März wurde »Wie ein unsichtbares Band« der argentinischen Autorin Inés Garland auf der Leipziger Buchmesse für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Ich war total überrascht. Es war das erste Mal, dass eine meiner Übersetzungen für einen Preis nominiert war, und dann gleich für den einzigen staatlichen Preis, den es in Deutschland für Kinder- und Jugendliteratur gibt!

Im Oktober wurde ich zur Frankfurter Buchmesse eingeladen, dort wird in einer großen Veranstaltung bekannt gegeben, welches der sechs nominierten Bücher in jeder Sparte den Preis bekommt. Es ist total spannend, weil keiner vorher etwas weiß. Inés Garland, die Autorin, war aus Argentinien angereist, sie saß rechts von mir, links meine Lektorin vom Verlag. Als die Sparte Jugendbuch an die Reihe kam, hielten wir uns vor Aufregung an den Händen. Und dann bekam die damalige Familienministerin Manuela Schwesig einen Umschlag überreicht, machte ihn auf und sagte: »Den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 in der Sparte Jugendbuch bekommt … ›Wie ein unsichtbares Band‹ !«

Diesen Moment werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Wir alle konnten es zuerst nicht glauben und haben gejubelt und geschrien vor Freude. Dann ging ich mit Inés auf die Bühne und jede von uns bekam eine Momo überreicht, eine kleine Statue, die jetzt bei mir zu Hause neben dem Schreibtisch steht und mich an diese tolle Anerkennung meiner Arbeit erinnert.

[Einschub meinerseits: Hier habe ich euch mal ein Video von der Verleihung rausgesucht.]

Finden Sie Ihren Beruf ausreichend bezahlt und gewürdigt?

Das ist ein trauriges Kapitel. Die Antwort: NEIN! Die Bezahlung ist viel zu schlecht für diese anspruchsvolle Arbeit, man kann kaum davon leben, selbst wenn man genügend Aufträge hat, und erst recht keine Familie ernähren. Ich werde auch sehr wenig Rente bekommen und muss so lange weiterarbeiten, wie ich nur kann.

Und was die Würdigung angeht, habe ich auch schon schlimme Sachen erlebt. Bei Literaturfestivals waren Autor*innen von mir eingeladen und haben in ihrer Sprache aus ihren Büchern vorgelesen, und dann wurde auch aus meiner Übersetzung vorgelesen und keiner hat gesagt, dass sie von mir stammt!

Ganz scheußlich war es, als ein weiteres Buch, das ich übersetzt hatte, mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Also hier in Deutschland, und die Auszeichnung gab es für das Buch in der deutschen Übersetzung. Aber den Preis hat nur der Autor bekommen. Zuerst stand auf der Webseite der Preisverleiher nicht mal, wer das Buch übersetzt hat. Als hätte der Autor es auf Deutsch verfasst. Ich habe den Preisverleihern geschrieben, wie ich die Sache sehe und dass ich das nicht in Ordnung finde, aber es hat nichts genützt.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Dass die Leseratten nie aussterben! Dass junge Leute trotz Handy und Netflix auch entdecken, wie genial es ist, wenn beim Bücherlesen ein ganz eigener Film im Kopf abläuft.

Und dass Bücher ein bisschen teurer werden. Ich weiß, das klingt jetzt blöd, aber dann könnten wir Übersetzer*innen mehr Geld bekommen. Das wäre dringend nötig.

Haben Sie eine Lieblingsphrase oder ein Lieblingswort?

Ich liebe die unübersetzbaren spanischen Flüche. Zum Glück versteht mich keiner, wenn ich die hier in Deutschland verwende!

 

Vielen Dank an Frau Layer!


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3 Gedanken zu “Bücher übersetzen als Beruf: Ein Interview mit Übersetzerin Ilse Layer über die Kunst des Übersetzen

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