Anne Freytag hat schon viele unterschiedliche Bücher veröffentlicht und in diesem Jahr heißt ihr neues Buch „Reality Show“. Ich habe schon einige ihrer Jugendbücher gelesen (u.a. Den Mund voll ungesagter Dinge und Nicht Weg und Nicht da) und war nun gespannt, was es mit dieser Neuerscheinung auf sich hat.
Klappentext:
Hochspannung zur Primetime
Heiligabend: Die einflussreichsten Personen Deutschlands werden in ihren Häusern eingesperrt – und ihre Geiselnahmen live übertragen. Der Showmaster tritt vor die Kamera und erklärt die Spielregeln: »Zwar wählen die Menschen ihre Regierung, die Macht liegt jedoch längst nicht mehr beim Volk. Heute präsentieren wir Ihnen diejenigen, die wirklich entscheiden, wer zum Gewinner und wer zum Verlierer des Systems wird. Und glauben Sie mir, jeder von ihnen hat mindestens eine Leiche im Keller.« Nun haben die Zuschauer die Wahl, wer mit einem blauen Auge davonkommt und wer bluten muss. Während die Menschen wie gebannt vor ihren Bildschirmen sitzen, wird eine Frage immer lauter: Wer sind die Drahtzieher hinter der Reality Show?
Was passiert in „Reality Show“?
Das reichste 1 % der Bevölkerung besitzt so viel Geld wie der Rest der 99 % zusammen. Das schreit nach Ungerechtigkeit. Aus diesem Grund werden die einflussreichsten 10 Personen und ihre Familienmitglieder an Heiligabend eingesperrt. Ihr eigenes Zuhause wird zum Gefängnis.
Wir befinden uns in einem Deutschland in naher Zukunft. Der rechte Weg gewinnt die Wahlen und bildet die Regierung. Haben die Leute denn nichts aus dem frühen 20. Jahrhundert gelernt? Um der breiten Masse vor Augen zu führen, dass die Macht schon lange nicht mehr beim Volk liegt, sondern bei den Menschen mit Geld und Beziehungen, plant eine junge Gruppe etwas Großes.
In einer Fernsehshow, die auf jedem Sender läuft und im Internet gestreamt wird, werden die Geiseln präsentiert. Samt Leichen im Keller. Und das Publikum darf über die Strafen bestimmen und kann dabei sogar noch etwas gewinnen.
Der erste Satz:
„Das hier war nicht geplant.“
Seite 9, Der Lauf der Dinge

Wie hat mir „Reality Show“ gefallen?
Prinzipiell klingt das Konzept des Buches genial. Ein Gedankenexperiment für die Leserschaft. Was würde man selbst in einer solchen Situation machen? Findet man es moralisch vertretbar, das Publikum entscheiden zu lassen und die Geschäftsführer*innen in Geiselhaft zu nehmen?
Kommen wir nun zum Aufbau des Buches. Das Buch besteht aus mehreren kürzeren Kapiteln, die in unterschiedlichen Zeit- und Perspektivebenen spielen. Und hier kommt auch schon mein erster Kritikpunkt: Es waren mir zu viele Sprünge und unterschiedliche Perspektiven. Wir lesen über die Drahtzieher*innen hinter der Reality Show und ihren Motiven. Wie sie einander kennengelernt haben. Und das aus der Sicht beinahe jeder (!) einzelnen Person. Außerdem gibt es manchmal einen kurzen Rundumblick, wie es den Geiseln geht und was sie so denken. Dazu gibt es auch noch mehrere Einblicke in die Wohnzimmer des Publikums. Darüber hinaus verfolgen wie einige der Gruppe im Jetzt und bei der Ausführung der Reality Show. Ihr merkt, worauf ich hinaus will?
Passend dazu möchte ich auch kurz auf die Personen eingehen. Es waren mir zu viele Personen, um jede Geschichte adäquat zu verfolgen. Opa Fritz konnte ich mir merken, weil er so einen einprägsamen Namen hatte, aber einige Personen kommen nur sehr selten vor und dann konnte ich mich daran erinnern, was sie vor 200 Seiten erlebt, gedacht oder gemacht haben. Das gleiche mit den Geiseln. Es waren insgesamt 42 gefangene Personen. Die werden anfänglich direkt hintereinander vorgestellt. Für mich war es unmöglich, sich alle Geschäftsmodelle oder Schicksale merken zu können. Da hätte man sich fast schon Notizen machen müssen oder eine MindMap zeichnen müssen.
Vielleicht bin ich auch mit dem falschen Ansatz an das Buch gegangen und es ging eher um die Handlung und nicht um die Personen. Wenn man mit dem Ansatz herangeht, dann könnte es potenziell einfacher fallen. Mit dem Fokus auf die Personen war ich nur am Puzzlen und mit Erinnern beschäftigt.
Okay, konzentrieren wir uns jetzt auf die Geschichte. Wie oben schon geschrieben, finde ich den Ansatz und dieses Experiment unfassbar interessant. Allerdings hielt das für mich nur bis zu einem Teil in der Geschichte. Irgendwann war ich bei der Hälfte angekommen und es wurde gerade eine Geisel vorgestellt und ihr Urteil wurde gesprochen. Ab dem Punkt konnte es nur noch beschränkt viele Handlungsstränge geben, da der Platz bzw. die Zeit einfach gefehlt haben. In meiner Vorstellung würden wenigstens 5 oder 8 Geiseln und ihr Vergehen vorgestellt werden. So habe ich es aus dem Klappentext gelesen. Wie mit den Personen auch würde ich hier sagen, wenn ich mit einer anderen Erwartungshaltung an die Sache gegangen wäre, dann hätte ich es vermutlich auch anders wahrgenommen.
Der Verlauf der Geschichte war in meinen Augen interessant, aber auch chaotisch, weil es ja die unterschiedlichsten Perspektiven und Ebenen gibt. Wenn wir jetzt nur von dem Verlauf der Reality Show reden, dann war es ein interessanter Plottwist am Ende, der mich berührt hat.
Schlussendlich kann ich mir vorstellen, dass Fans von „Aus schwarzen Wassern“ von Anne Freytag von „Reality Show“ ebenfalls begeistert sein werden. Dieser Justiz-/Politikthriller erfordert Köpfchen. Außerdem sollte man sich auf die Geschichte einlassen und die Punkte bedenken, die ich erwähnt habe. Mir persönlich hat das Buch leider nicht wirklich zugesagt, aber ich kann mir vorstellen, dass viele Leser*innen Spaß an „Reality Show“ haben werden.
Und hier könnt ihr euch das Buch noch einmal selbst ansehen 😉
Liebe Grüße
Eure Lin
Informationen zu dem Buch „Reality Show“
Autorin: Anne Freytag
Titel: Reality Show
Verlag: dtv premium
ISBN 978-3-423-26303-0
Preis: 16,95€ für die Klappenbroschur
Seiten: 464
Erschienen am: 20. Oktober 2021
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