„Hunger, Frust und Schokolade“ von Michael Macht – Ein Sachbuch, was viele Emotionen in mir hervorgerufen hat.

Ich habe mich gefreut, endlich mal wieder ein Sachbuch in der Hand zu halten und mich mit einem Thema zu befassen, was mich sehr interessiert. Mit „Hunger, Frust und Schokolade“ habe ich mir versprochen, etwas mehr über die Psychologie des Essens zu erfahren.

Klappentext:

Psychologie und Essen – Essen und Gefühle: Das ist das Spezialgebiet des Würzburger Psychologen Prof. Dr. Michael Macht. In seinem populären Sachbuch beschreibt er anschaulich und unterhaltsam, warum wir essen und wie das Essen mit unseren Gefühlen verknüpft ist – Psychologie zum Genießen!

• Warum essen wir bei Frust und Stress?

• Warum scheitern wir so oft daran, unsere Ess-Gewohnheiten zu ändern?

• Warum gehorchen wir beim Essen so selten der Vernunft?

Es liegt an den Gefühlen! Sie sind für die Nahrungsaufnahme so wichtig wie Nährstoffe, Hormone und Neuro-Transmitter. Gefühls-Prozesse sind für die Steuerung der Nahrungsaufnahme unentbehrlich – nicht von ungefähr können wir kaum etwas Essbares sehen, riechen oder schmecken, ohne wenigstens den Anflug von Gefühlen zu verspüren: Gefühle steuern unser Ess-Verhalten – und mit unserem Ess-Verhalten können wir umgekehrt unsere Gefühle steuern.

Der Psychologe Michael Macht arbeitet seit Jahren auf diesem Gebiet und gibt in seinem Buch einen umfassenden Einblick in die geheimnisvolle Beziehung zwischen unserem Ess-Verhalten und unseren Gefühlen.

 Was passiert in „Hunger, Frust und Schokolade “?

In diesem Sachbuch bespricht der Psychotherapeut und Professor für Psychologie grundlegend das Thema Essen und die Psychologie dahinter. In den unterschiedlichsten Kapiteln lernen die Leser*innen etwas über das Hungergefühl, Besänftigungsessen oder Gefühlsessen. Die für mich interessantesten Seiten waren die letzten Kapitel über gestörtes Essverhalten.

Zwischendurch werden einige Grafiken abgedruckt, um Prozesse besser verständlich zu machen. Die Kapitel werden mit einem passenden Zitat eingeleitet, welches poetisch schon einmal auf das Thema einstimmen.

Der erste Satz:

„Es war das Paradies“

– Seite 11, Das Gefühl isst mit

Wie hat mir „Hunger, Frust und Schokolade“ gefallen?

Ich hatte große Hoffnungen in dieses Buch, weil der Klappentext und das Cover sehr vielversprechend auf mich wirkten. In den ersten Kapiteln, in denen ich das Gefühl hatte, dass der Autor total in seinem Element war, habe ich auch viel dazu gelernt. Besonders das Kapitel über Hunger und woher er kommt, hat mir besonders viel gebracht.

Der Schreibstil von Michael Macht war nicht zu wissenschaftlich, aber auch nicht zu locker. Das hat mir wirklich gut gefallen, da ich genug verstanden habe. Durch die Zitate und Grafiken wurde die geballte Wissenschaft aufgelockert. Außerdem hat der Autor einige Anekdoten zum Besten gegeben, was die ganze Thematik persönlicher gestaltet hat. Sie waren anschaulich, aber auch teilweise zu stereotypisch – vor allem, was die Kapitel mit Essstörungen betrifft, aber dazu komme ich noch einmal gesondert.

Das Cover gefällt mir sehr gut, da es minimalistisch ist und ich großer Fan von Cookies bin (haha, aber das ist natürlich nur eine persönliche Referenz). Ich kann mir vorstellen, dass es auch in einer Buchhandlung gut platziert werden könnte.

Da in einem Sachbuch der „Handlungsverlauf“ natürlich nicht richtig bewertet und beschrieben werden kann, möchte ich kurz über den Aufbau sprechen. Der ist durchdacht und logisch, da zunächst mit den Grundlagen begonnen wird und darauf aufgebaut wird.

Nun kommen wir zu dem Part, den ich bereits auf Instagram kritisiert habe. Die Kapitel über gestörtes Essverhalten. Holt euch einen Tee, das könnte ein bisschen länger werden:

(Falls ihr euch mit dem Thema nicht wohl fühlt, dann überspringt den Absatz lieber. Ich werde nämlich auch aus dem Buch zitieren und das kann zu schlechten Gedanken führen)


Durch meine Vergangenheit habe ich einige Erfahrungen sammeln können. Auch über Essstörungen, die ich selbst nicht erlebt habe, aber durch meinen Besuch in der Klinik für gestörtes Essverhalten habe ich auch viel dazulernen dürfen. In „Hunger, Frust und Schokolade“ bestand die Welt der Essstörungen nur aus Bulimie und Magersucht (ganz kurz wurde auch über die Binge-Eating-Störung gesprochen, aber auf mich machte es den Eindruck, als würde diese nicht ernst genommen werden) . Adipositas spielt bereits weiter vorne im Buch eine Rolle, aber ich hatte das Gefühl, dass der Autor dies nicht als psychische Störung wahrnimmt, sondern nur als Klassifizierung im BMI. Das finde ich absolut schrecklich. Essstörungen sind nicht nur auf zwei Arten begrenzt! Es gibt so viele unterschiedliche Arten, die ineinander laufen und nicht einfach nur am Gewicht definiert werden dürfen. (Leider sind die meisten Arten von Essstörungen nicht einmal spezifisch im ICD benannt) Das wird natürlich auch gemacht. Gerade als jemand, der darunter litt, nicht in das Raster zu fallen, finde ich es schrecklich wenn ein Psychotherapeut sowas schreibt. Die Beispiele, die geliefert werden und die Geschichten, die erzählt werden, sind klischeebehaftet gewesen. Die Dame mit der Magersucht war natürlich Perfektionistin und die beste Studentin. Ich möchte nicht abschreiben, dass es solche Fälle gibt (Gerade da ich selbst so ein Klischee war), aber mir fehlte die Vielfalt. Das Buch ist wirklich nicht dick und es war noch viel Raum für mehre Perspektiven. Bevor ich es vergesse: Es wurde die ganze Zeit auch nur von Frauen bzw. Patientinnen gesprochen (ohne Binnen-I oder Gender-Sternchen) … Ganz ehrlich. In welchem Jahrhundert leben wir denn? Das suggeriert der Leserschaft, dass es keine männlichen Patienten (oder diverse Patient*innen) gibt und vermittelt somit das Bild, wogegen viele schon lange ankämpfen… Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Herr Macht bisher keine männlichen oder diversen Menschen behandelt hat. Mir haben beim Lesen leider die Worte gefehlt. Ich verstehe nicht, dass solche Bilder immer noch reproduziert werden. Mittlerweile dachte ich, dass wir zumindest in Fachkreisen da angekommen wären, dass es mehr als Magersucht und Bulimie gibt oder auch Männer an Essstörungen erkranken können. Allerdings war das noch nicht alles. Wie ich oben bereits erwähnt habe, werden Grafiken und Abbildungen zur Visualisierung eingesetzt. Für den theoretischen und sehr wissenschaftlichen Teil fand ich das auch passend, aber was gar nicht ging, kam im Teil für die Essstörungen. Es wurde ein Bild gedruckt, dass „Nahrung zeigt, die ein Patient mit einer Binge-Eating-Störung während eines Essanfalls zu sich nahm“. Ich meine: Geht’s noch? Selbst wenn ich mich in die Situation versetze, dass ich nichts über die Krankheit wüsste, was würde es mir bringen, das jetzt zu wissen. Essstörungen sind so vielfältig und zu wissen, was ein Patient während eines Essanfalls zu sich nach, bringt mich doch nicht weiter. Und für psychisch labile Menschen könnte es schlimmere Konsequenzen haben. Sie könnten sich vergleichen und zu dem Schluss kommen, dass es bei ihnen nicht so schlimm oder noch nicht schlimm genug ist. Wie oft ich mich mit Geschichten verglichen habe und mich dazu angestachelt habe, Gewicht XY zu erreichen, um „kränker“ zu sein… Es werden teilweise auch Zahlen genannt und die Krankheit am Gewicht definiert. Muss das sein? Kann man nicht sagen, wie schlimm etwas ist, ohne gleich einen Marker zu setzen, an dem sich gemessen werden muss? Anstatt zu schreiben, dass Sabine D. XY Kilo im letzten Jahr zugenommen hat, kann man doch auch schreiben, dass sie einige Kilogramm an Gewicht zugenommen hat. Wofür muss es denn diese feste Definition einer Zahl geben? Darf ich mich nicht schlecht/gut fühlen, wenn ich mehr oder weniger zugenommen habe? Eine wichtige Zahl für mich waren damals meine Kalorien, die ich an einem Tag zu mir genommen habe. Und es hat mich enttäuscht und wütend auf mich selbst gemacht, wenn ich gesehen habe, dass jemand weniger essen konnte als ich. WARUM ZUR HÖLLE werden hier dann auch noch Kalorienzahlen von der bulimischen Patientin genannt? Reicht es nicht zu sagen, dass sie wirklich wenig gegessen hat bzw. deutlich zu wenig zu sich genommen hat? Ich war wirklich schockiert. Macht spricht zwar auch davon, dass Essstörungen ineinander übergehen (meint dabei aber auch nur, dass „anorektische Patientinnen nach einiger Zeit Essanfälle haben“), aber einen Satz vorher schreibt er noch, dass „Frauen mit Bulimie dagegen normalgewichtig sind“. Alles an diesem Satz ist so falsch!! Ich möchte es am liebsten in All Caps schreiben. Nicht nur Frauen erkranken an Bulimie! Es darf keine Verallgemeinerung geben! Patient*innen mit Bulimie können normalgewichtig sein, aber sie sind es nicht zwingend! Ich bekomme echt die Krise, wenn ich das lese (Genau wie der Satz „Das Körpergewicht von Magersüchtigen liegt mindestens fünfzehn Prozent unter dem Durchschnittsgewicht. Gleiches Spiel). Apropos „normalgewichtig“: Das Kapitel über „Das Problem der Adipositas“ und damit der Übergang von den Gefühlesser*innen zu den Essstörungen wird natürlich direkt mit einer fettgedruckten Formel zum BMI eingeleitet. Mir ist bewusst, dass es für Ärzt*innen ein wichtiger Punkt in ihrer Arbeit ist, um Einteilungen vorzunehmen. Aber ich persönlich finde es überholt. Auf dem Blog von Mias Anker findet ihr auch einen tollen Gastbeitrag von Isabel Bersenkowitsch, der auch nochmal erklärt, warum es einfach nur Schwachsinn ist.

Was mich daran auch stört: All diese Sachen wurden ohne einen Hinweis gedruckt. Von mir aus hätte der Autor eine Warnung vor diesen Kapiteln schreiben können oder bereits zu Beginn des Buches darauf aufmerksam machen, dass es eventuell nur geeignet ist, wenn man sich das zutraut. Ich kann mir vorstellen, dass Patient*innen sich bei dem Titel „Hunger, Frust und Schokolade –PSYCHOLOGIE DES ESSENS“ denken, dass hier sachlich und sensibel über dieses Thema geschrieben wird (Vor allem, wenn ich lese, dass es sich um einen Psychotherapeuten handelt). Eventuell greifen einige im Zuge ihres Genesungsprozesses zu diesem Buch und erwarten nicht Böses. Für mich wäre es ein harter Rückschlag gewesen, weil es keine Warnung gab.

Ich denke, ich belasse es erstmal dabei. Wenn jemand von euch das Buch auch bereits gelesen hat, bin ich gerne offen für einen Austausch.

Grundsätzlich finde ich es schwierig, dieses Buch zu bewerten. Die wissenschaftlichen Aspekte im ersten Teil kann ich nicht überprüfen und waren schlüssig und interessant. Aber der gesamte Abschnitt über Essstörungen hat mich so wütend und enttäuscht hinterlassen. Wenn es euch mit dem Thema nicht gut geht, würde ich euch ausdrücklich nicht empfehlen, zu diesem Buch zu greifen!

Und hier könnt ihr euch das Buch noch einmal selbst ansehen

Liebe Grüße
Eure Lin


Informationen zu dem Buch „Hunger, Frust und Schokolade

Autor: Michael Macht
Titel: Hunger, Frust und Schokolade – Die Psychologie des Essens
Verlag: Droemer Knaur
ISBN 978-3-426-27842-0
Preis: 18€ für das Hardcover
Seiten: 224
Erschienen am: 01. März 2021    


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